Schule und Bildung im Kreuzfeuer der Politik
In der Bildungsdebatte findet eine zunehmende Polarisierung statt. Alexander Gerlings und Michel Rohrbach, Co-Leiter der Fachagentur IDES, denken über mögliche Konsequenzen nach.Wer die politische Diskussion über Schule und Bildung verfolgt, kann sich gleichzeitig ein Bild vom Zustand unserer Demokratie machen. Seit über 30 Jahren beobachtet IDES parlamentarische Debatten, Stellungnahmen und das Medienecho. Dabei zeichnet sich eine Entwicklung ab: Kontroversen werden heftiger, Haltungen unnachgiebiger und für differenzierte Betrachtungen bleibt immer weniger Platz. Dies birgt die Gefahr, das Vertrauen in die Schule zu untergraben. In diesem Zusammenhang stellt der Föderalismus eine Chance dar.
Es gehört zum Mandat von IDES, dem Informations- und Dokumentationszentrum der EDK, die politische Debatte zu Schule und Bildung zu beobachten. IDES bietet dazu verschiedene Dienstleistungen an, etwa die parlamentarische Dokumentation oder ein tägliches Medienmonitoring zuhanden der kantonalen Bildungsdepartemente sowie die Dokumentation der Stellungnahmen und Publikationen verschiedener Akteurinnen und Akteure, zugänglich auf dem Dokumentenserver Bildung edudoc.ch. Diese Umfeldbeobachtung hat sich in mehr als dreissig Jahren zusammen mit den verfügbaren Instrumenten laufend weiterentwickelt.
Diese Beobachtung hat nichts Anekdotisches. Vielmehr veranschaulicht sie, wie eine Gesellschaft über ihr Schulwesen, ihre Berufsbildung und die Hochschulen spricht und wie sie gedenkt, diese weiterzuentwickeln. Die Umfeldbeobachtung ist eng mit dem Bildungsmonitoring verknüpft: So nähren die daraus gewonnenen Erkenntnisse die politische Debatte, während Parlamente, Regierungen und Öffentlichkeit bei den von ihnen aufgeworfenen Fragen wiederum auf das Monitoring zurückgreifen: Sind entsprechende Daten verfügbar? Gibt es aussagekräftige Indikatoren? Besteht ein kausaler Zusammenhang oder nur eine Korrelation?
Die Polarisierung nimmt zu
Schul- und Bildungsfragen wurden schon immer leidenschaftlich diskutiert. Zu gewichtig sind die Themen, um die es geht: die Zukunft der Kinder, die Chancengerechtigkeit, die Weitergabe von Wissen und Werten, die Rolle des Staats und der Eltern, die Arbeitsbedingungen der Lehrerinnen und Lehrer, die Vorbereitung der Jugendlichen auf das Berufsleben oder die Zusammenhänge zwischen Bildung und Wirtschaft. Dass dies Anlass zu Diskussionen gibt, ist normal oder vielmehr wünschenswert.

In den letzten Jahren wird man allerdings den Eindruck nicht los, dass sich die Positionen verhärten. Die Standpunkte stehen sich unvereinbar gegenüber und Kontroversen verkommen zum Schlagabtausch. Ähnlich wie viele Medien scheint die politische Debatte Muster zu übernehmen, die vom Wettstreit um Aufmerksamkeit geprägt sind: kategorische Behauptungen, übereilte Reaktionen, Argumente, die keinen Widerspruch zulassen. Wie wenn sich der öffentliche Diskurs den Gesetzmässigkeiten von Empfehlungsalgorithmen beugen müsste, die Inhalte mit den meisten Aufrufen und den stärksten Reaktionen bevorzugen.
Dabei sind die hilfreichsten Beiträge meist solche, die sich einem Schwarz-Weiss-Schema entziehen. Beiträge, die aufzeigen, dass ein Problem mehrere Ursachen haben und eine Massnahme neben Verbesserungen auch neue Schwierigkeiten mit sich bringen kann. Solche Analysen eignen sich selten für markige Parolen und haben dadurch geringere Chancen, Aufmerksamkeit und virale Reichweiten zu erzielen.
In diesem Zusammenhang interessiert sich IDES für das Projekt EPTI (Educational Policy Transparency Interface) der Pädagogischen Hochschule Zürich. Dieses Projekt soll die Trends in den öffentlichen Bildungsdebatten besser sichtbar machen und damit zu mehr Transparenz in den Diskussionen, Entwicklungen und Entscheidungen beitragen.
Eine kaum beachtete Studie, deren Erkenntnisse aber allen zugutekommen könnten
Wie schwer es für differenzierte Stimmen ist, sich Gehör zu verschaffen, mag folgendes Beispiel verdeutlichen: In Erfüllung eines Postulats beauftragte der Walliser Staatsrat Romain Lanners, Direktor des Schweizer Zentrums für Heil- und Sonderpädagogik (SZH), in einem Bericht die Stärken und Schwächen der inklusiven Schule zu analysieren und Verbesserungsvorschläge aufzuzeigen.
In diesem Bericht erläutert der Autor die Grundsätze der inklusiven Schule verständlich und differenziert, fernab von gewissen vorgefassten Meinungen. Er thematisiert die Herausforderungen, insbesondere für die Lehrpersonen, ebenso wie die erforderlichen Mittel und deren Zuteilungsmodalitäten. Zugleich hebt er die Möglichkeiten hervor, die ein inklusiver Ansatz bietet. Er kommt zum Schluss, dass das Walliser System über solide Grundlagen verfügt und formuliert drei Empfehlungen für dessen Weiterentwicklung.

Allerdings scheint dieser Bericht in Politik und Medien bisher wenig Beachtung gefunden zu haben. Diese Feststellung wirft die Frage auf, wie fundierte Arbeiten und differenzierte Analysen sich in einer oft von pauschalen Haltungen dominierten Diskussion behaupten können.
Auch weitere aktuelle Themen würden eine reflektierte und nuancierte Diskussion verdienen: Sprachenunterricht, Grundkompetenzen, Erwartungen des Arbeitsmarkts an die Bildung oder Ausübung der Glaubens- und Gewissensfreiheit.
Das Vertrauen in die Schule steht auf dem Spiel
Diese besorgniserregende Entwicklung betrifft nicht nur die Art und Weise, wie politisiert wird. Die Schule hat einen besonderen Platz in der Gesellschaft. Wenn sie ständig als Institution in der Krise, als ineffizient oder mangelhaft hingestellt wird, besteht die Gefahr, dass diese Geringschätzung letztlich ihre eigene Dynamik entwickelt. Denn welchen Eindruck hinterlassen solche Aussagen bei künftigen Lehrerinnen und Lehrern, bei Eltern, Schülerinnen und Jugendlichen in Ausbildung? Riskieren wir nicht, das Vertrauen in eine Institution zu untergraben, die so grundlegend für den sozialen Zusammenhalt und unseren Wohlstand ist?
Zwar ist Dramatisierung fehl am Platz. Die Daten deuten derzeit nicht auf ein schwindendes Vertrauen in die Bildungsinstitutionen hin – im Gegenteil. Gemäss einer Umfrage der OECD (in Englisch) zu den Faktoren, die das Vertrauen in öffentliche Institutionen beeinflussen, zeigt sich die Schweizer Bevölkerung sehr zufrieden mit dem Bildungssystem. Das Ergebnis mahnt jedoch zu Wachsamkeit und macht deutlich, wie wichtig es ist, dieses Vertrauen zu bewahren und zu pflegen.
Zufriedenheit mit dem Bildungssystem
Die politische Debatte muss weitergehen. Dazu gehört auch, zu akzeptieren, dass Fakten nicht immer das Bauchgefühl bestätigen und dass sie nicht immer eindeutige Antworten liefern. Gewisse Fragen bleiben offen, einige Reformen führen zu ambivalenten Ergebnissen. Die Komplexität der bildungspolitischen Herausforderungen erfordert einen Diskurs, in dem auch Unsicherheiten, widersprüchliche Argumente und die vielen Schattierungen zwischen Schwarz und Weiss ihren Platz haben.
Vor diesem Hintergrund stellt der Informations- und Wissensaustausch unter den Beteiligten im föderalistischen Schweizer Bildungssystem einen echten Reichtum dar. Eines der Hauptanliegen von IDES ist es daher, die Vielfalt an kantonalen Gegebenheiten und Herangehensweisen, Erfahrungen und Perspektiven zugänglich und sichtbar zu machen. Denn sie ermöglicht erst eine politische Debatte, die den Herausforderungen im Schul- und Bildungswesen wirklich gerecht wird.


