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13.05.2026

Das 95%-Ziel unter der Lupe

20 Jahre nach seiner Formulierung steht das 95%-Ziel mehr denn je im Fokus der bildungspolitischen Diskussionen. An einer Tagung sind vor Kurzem über 300 Fachleute der Frage nachgegangen, wie die Zielerreichung positiv beeinflusst werden kann. Es zeigt sich: Dort wo die Berufsbildung stark ist, wird auch das Ziel besser erreicht.

Porträt Peter Marbet

Autor: Peter Marbet, Leiter Koordinationsbereich Berufsbildung & Sekundarstufe II Allgemeinbildung

Vor Kurzem fand in Bern eine nationale Tagung zum 95%-Ziel statt. Auf Initiative der Kommission Übergänge (KÜB) der Schweizerischen Berufsbildungsämter-Konferenz (SBBK) diskutierten über 300 Fachleute über den Stand der Zielerreichung dieses bildungspolitischen Ziels. Die Tagung stand unter dem Patronat der SBBK und des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) und wurde gemeinsam mit den Organisationen der Arbeitswelt (OdA) sowie den Fachkonferenzen der Mittelschulämter und der Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung organisiert.

KI-generiertes Bild: ein Junge steht vor einem Wegweiser; die Ziele sind "Gymnasium", "Berufsbildung" und "Fachmittelschule"KI-generiertes Bild

95%-Ziel rückt wieder weiter weg – dieser Umstand schmerzt

Betrachtet man die nackten Zahlen (2017: 91,3 %; 2020: 90,4 %; 2023: 90,2 %) so ist die Bilanz ernüchternd: In den 20 Jahren, seit das Ziel zum ersten Mal formuliert worden ist, ist es nicht gelungen, dieses zu erreichen. Besonders bitter ist, dass die Zielerreichung sogar wieder weiter in die Ferne rückt. Dieser Umstand schmerzt.

Für die Direktbetroffenen: Wer keinen Abschluss einer Lehre, einer Fachmittelschule oder eines Gymnasiums vorweisen kann, wird im Laufe des Erwerbslebens deutlich häufiger mit Arbeitslosigkeit oder gar Armut konfrontiert sein als eine Person mit einem Abschluss auf der Sekundarstufe II.
Für die Politik: Trotz erheblicher Investitionen in den Übergang von der obligatorischen Schule in die Sekundarstufe II ist es nicht gelungen, mehr Jugendliche zu einem Abschluss zu führen – mit entsprechenden Kostenfolgen für die Bildungs- und Sozialpolitik.
Für die Wirtschaft: Die hohe Zahl Jugendlicher ohne postobligatorischen Abschluss schmälert das Potenzial für den Arbeitsmarkt, selbst wenn Jugendliche auch ohne Abschluss eine Anstellung finden. 

Was tun? Eigentlich ist die Sachlage klar: Kantone mit einer starken Berufsbildung kommen dem 95%-Ziel deutlich näher als Kantone mit einer hohen gymnasialen Maturitätsquote. Die Berufsbildung ist somit der entscheidende Erfolgsfaktor mit Blick auf das 95%-Ziel. Entsprechend naheliegend die Empfehlung: Je stärker die Berufsbildung in einem Kanton ist, desto eher gelingt die Zielerreichung. Doch genau an diesem Punkt beginnen die Schwierigkeiten: Wie stärkt man die Berufsbildung? Wie steuert man in einem Kanton das Gleichgewicht zwischen Berufs- und Allgemeinbildung? Und kann man die Berufsbildung stärken, ohne den Zugang zur Allgemeinbildung zu begrenzen?

Sozialpolitik versus Wirtschaftspolitik

Betrachtet man die gesellschaftspolitischen Diskussionen in jenen Kantonen mit hoher gymnasialer Maturitätsquote, dann herrscht dort die Ansicht vor, dass jede und jeder eine Chance verdient habe. Gemeint ist damit, dass möglichst viele die Chance erhalten sollen, im Gymnasium oder an einer Fachmittelschule zu starten und sich dort zu bewähren. Und erst wenn dies nicht gelingt, kommen andere Optionen wie die berufliche Grundbildung in Frage.

Ein Schreiner zeigt seiner Auszubildenden etwas am Laptop
Jugendliche im Gymnasium geniessen ihre Pause

Gerade umgekehrt ist die Haltung in ländlichen Regionen und Kantonen mit starker Berufsbildung: Mit Blick auf die wirtschaftliche Entwicklung in diesen Regionen geben sie der Berufsbildung oft den Vorzug vor einem akademischen Bildungsweg mit möglicherweise unsicheren Berufsperspektiven. Während also in den einen Kantonen sozialpolitische Vorstellungen das Verständnis der Berufsbildung prägen, halten andere Regionen die Berufsbildung aus wirtschaftspolitischem Interesse hoch.

Klàra Sokol spricht an der Tagung zum 95%-Ziel
Foto aus der 95%-Tagung

Mit Blick auf die weitere Entwicklung wird entscheidend sein, ob in Kantonen mit hoher Gymnasialquote Akzeptanz dafür geschaffen werden kann, die heute vorherrschende Priorisierung des gymnasialen Bildungswegs zugunsten eines breiteren Bildungsverständnisses aufzubrechen. Die Diskussionen an der Tagung haben gezeigt: Man kann die Berufsbildung nicht stärken, wenn man nicht bereit ist, den Zugang zu den allgemeinbildenden Schulen zu steuern. Letztlich geht es aber weder um Sozial- noch um Wirtschaftspolitik, sondern um Bildungspolitik. Und wenn wir einen Schritt weiterkommen wollen, müssen Berufs- und Allgemeinbildung den Brückenschlag wagen.

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