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10 Jahre PISA. Hat uns Deutschland überholt? Und: was bringen nationale Bildungsstandards?

In einem Kommentar zu den PISA-Ergebnissen ("Die Schulreformen haben wenig gebracht" (fur)) liest man in der NZZ am Sonntag vom 11. Dezember 2011 unter anderem: Deutschland habe sich in PISA seit dem Test 2000 deutlich verbessert und die Schweiz zum Teil überholt. Dagegen mache die Schweiz seit zehn Jahren kaum Fortschritte. Und: man solle in der Schweiz die Kräfte doch endlich auf die Schülerleistungen ausrichten, statt sich etwa wie die Erziehungsdirektoren dem Definieren von Bildungsstandards zu widmen. Soviel Bildungskommentar soll nicht unbeantwortet bleiben.

Blick auf die PISA-Ergebnisse
Einmal: Deutschland hat die Schweiz nicht überholt. In keinem der drei getesteten Bereiche weist Deutschland in PISA 2009 einen signifikant höheren Mittelwert aus als die Schweiz. In Mathematik hält die Schweiz einen Spitzenplatz. Kein europäisches Land erreicht ein signifikant besseres Ergebnis. In Lesen und Naturwissenschaften sind die Mittelwerte der Schweiz und Deutschland vergleichbar; wobei die durchschnittliche Leseleistung der Schweizerinnen und Schweizer signifikant über dem OECD-Mittel liegt, die durchschnittliche Leseleistung der deutschen Schülerinnen und Schüler unterscheidet sich dagegen nicht signifikant vom OECD-Mittel. Unsere anderen Nachbarn – Österreich, Frankreich und Italien – erreichen übrigens in allen drei Testbereichen signifikant schlechtere Ergebnisse als die Jugendlichen in der Schweiz; einzig Frankreich erreicht in einem Fachbereich, dem Lesen, einen vergleichbaren Mittelwert.

Beim PISA-Vergleich über die Jahre zeigt sich, dass eine signifikante Steigerung des Mittelwertes von einem guten oder sehr guten Niveau aus nicht stattfindet. Kein einziges europäisches Land, das sich bei PISA 2000 in der oberen oder mittleren Ländergruppe befand (1) – und dazu gehört auch die Schweiz – konnte seinen Mittelwert im Lesen zwischen 2000 und 2009 signifikant verbessern. Signifikante Verschlechterungen lassen sich dagegen feststellen für Schweden, Irland und Österreich, in PISA 2000 befanden sich diese drei Länder noch in der oberen Ländergruppe. Ein anderer europäischer Top Performer 2000, Grossbritannien, wurde nachträglich wegen Stichprobenproblemen von der Erhebung 2000 ausgeschlossen und fungiert 2009 im OECD-Mittel.

Es ist richtig, dass Deutschland seine Leseleistungen zwischen 2000 und 2009 signifikant verbessern konnte, allerdings von der tiefsten Ländergruppe aus: im Test 2000 lag Deutschland signifikant unter dem OECD-Mittel. Ihren Durchschnittswert im Lesen zwischen 2000 und 2009 deutlich verbessern konnten denn auch einzig Länder, die sich 2000 in der tiefsten Ländergruppe (signifikant unter dem OECD-Mittel) befanden. Deutschland hat damit aufgeholt, die Schweiz aber nicht überholt. Auch in den anderen Fachbereichen nicht.

Fortschritte lassen sich nicht nur am Mittelwert ablesen. Die Schweiz gehört zu den wenigen OECD-Ländern, die zwischen 2000 und 2009 den Anteil der schwachen Leserinnen und Leser (unter Niveau 2) statistisch signifikant reduzieren und dabei den Anteil der leistungsstarken Leserinnen und Leser halten konnten.

Wozu Bildungsstandards?
Und noch zum Kritikpunkt, die Kräfte endlich auf Schülerleistungen auszurichten, statt sich etwa dem Definieren von Bildungsstandards zu widmen. Es gibt wohl kaum ein Vorhaben, das in vergleichbarer Weise auf die Schülerleistungen fokussiert wie die EDK-Bildungsstandards; es handelt sich ja gerade um Leistungsstandards.

Mit den Bildungsstandards haben die kantonalen Erziehungsdirektorinnen und Erziehungsdirektoren erstmals gesamtschweizerische Bildungsziele festgelegt. Es sind die Grundkompetenzen, welche die Schülerinnen und Schüler in der Schulsprache, in Fremdsprachen, in Mathematik und Naturwissenschaften erreichen sollen.

Diese Kompetenzen werden nicht wie bei PISA erst am Ende der obligatorischen Schule überprüft, sondern an wichtigen Schnittstellen und dies in zweifacher Hinsicht:

  • auf individueller Ebene: in der Klasse kann der Kenntnisstand einer Schülerin, eines Schülers mit den Zielvorgaben verglichen werden – so kann eine gezielte Förderung rechtzeitig einsetzen.
  • auf Systemebene: Bildungsstandards dienen der Rechenschaftslegung und damit der Frage: erreicht unser Bildungssystem die gesteckten Ziele. Dafür werden andere Instrumente eingesetzt als bei der individuellen Schülerbeurteilung und es werden repräsentative Stichproben getestet.

Nur noch am Rand sei erwähnt, dass gemäss NZZ am Sonntag-Kommentar auch die Bildungsstandards offenbar zu den Reformen gehören, die allesamt nichts gebracht haben. Eine Reform wird es nicht sein, die Einführung der Bildungsstandards, wenn man darunter Umschachtelungen im System und viel Unruhe versteht. Eines stimmt hingegen: einen Einfluss auf die PISA-Ergebnisse 2009 haben sie in der Tat nicht gehabt. Sie werden nämlich erst eingeführt. Aber immerhin.

15. Dezember 2011
Herausgeber: Pressedienst Generalsekretariat EDK


(1) Obere Ländergruppe: Mittelwert signifikant über dem OECD-Mittel, mittlere Ländergruppe: im OECD-Mittelwert

 

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